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Mikrobiom und Psyche: Der unsichtbare Zusammenhang

Du denkst an dich. Aber dich gibt es gar nicht.

Mikrobiom und Psyche: wie das Leben in dir für dich arbeiten kann — aber ohne dieses Wissen meist gegen dich. Wann hat einem zuletzt jemand gesagt, dass „man“ gar nicht existiert? Wahrscheinlich noch nie. Stattdessen lernt jeder, er sei ein einzelnes, autonomes Wesen. Ein Individuum. Ein „Ich“.

Ein Märchen.

Lesen Sie den Titel noch einmal. Gerade ist innerlich ein „Quatsch, natürlich gibt es mich“ aufgestiegen. Da war sie, die Stimme im Kopf. Bloß: Wessen Stimme war das? Geistig mag der Mensch ein Individuum sein. Bei manchen darf man heute auch daran zweifeln. Aber biologisch? Vergiss es. Biologisch ist niemand ein Einzelner. Jeder ist eine Belegschaft. Ein wandelndes Biotop. Ein Superorganismus. Und die Kontrolle, die man zu haben glaubt, hatte man nie.

Mikrobiom und Psyche: Kein Ich. Ein Wir.

In und auf jedem Menschen leben rund 100 Billionen Mikroorganismen. Bakterien, Viren, Pilze, Archaeen. Untermieter, von denen die meisten nicht einmal einen Namen haben. Mehr Mitbewohner, als unsere Galaxie Sterne hat. Zusammen wiegen sie etwa zwei Kilo — mehr als das menschliche Gehirn. Das Ding, auf das der Mensch so stolz ist, sein Verstand, wiegt weniger als seine Untermieter.
Und jetzt der Schlag in die Magengrube. Zählt man die Gene, die im Körper das Sagen haben, stammen rund 99 Prozent davon nicht vom Menschen selbst. Sie gehören den Mitbewohnern. Auf jedes menschliche Gen kommen etwa 150 mikrobielle.

Der Bundestag des Körpers

Man stelle sich den Bundestag vor. 630 Abgeordnete. Und davon gehören einem selbst — sechs. Ganze sechs Sitze. Die anderen 624 sind Mikroben. Man darf vorne stehen und „eiserne Disziplin!“ rufen, so laut man will — abgestimmt wird 624 zu 6. Kein Wunder, dass der gute Vorsatz jeden Abend gegen die Tüte Chips verliert.

Mikrobiom und Psyche

Eigene Darstellung ©Sven Mostegl

Und das sind nur die Gene. Zählt man die Zellen, die Botenstoffe, all jene, die wirklich die Hebel im Körper bedienen — es wird nicht besser. Bei keiner einzigen dieser Zahlen.

Mikrobiom und Psyche: wer wirklich die Hebel bedient

Diese Mehrheit ist nicht still. Sie redet pausenlos mit — über Hormone, Botenstoffe, das Nervensystem. Sie bestimmt mit, wie viel Serotonin, Dopamin und GABA der Körper bildet. Im Klartext: wie ruhig ein Mensch ist. Wie klar er denkt. Wie tief er schläft. Und wie lange sein Wille hält, wenn die Schokolade ihn ansieht.

Die Mitbewohner beeinflussen, was schmeckt und worauf der Heißhunger kommt. Die Laune, die Reizbarkeit, die Impulskontrolle. Die Stimmung von morgens bis abends. Wie klar oder vernebelt der Kopf ist. Und, die Forschung zeigt es zunehmend: sogar Entscheidungen. Und vieles mehr. Was der Mensch „meinen Willen“, „meine Laune“, „mein Bauchgefühl“ nennt, ist in Wahrheit oft eine Abstimmung, bei der er nicht einmal mit am Tisch sitzt.

Der Preis, wenn die Mehrheit gegen den Wirt arbeitet

Solange diese Gemeinschaft im Gleichgewicht ist, trägt sie den Menschen. Kippt sie — und bei den meisten ist sie längst gekippt — arbeitet die Mehrheit gegen den Wirt. Das Ergebnis hat einen Namen, den jeder kennt: Zivilisationskrankheiten.

Sie fallen nicht vom Himmel. Sie kündigen sich an, jahrelang, über das, was im Inneren lebt:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall
  • Typ-2-Diabetes und die Blutzucker-Achterbahn, die die Stimmung mitreißt
  • Übergewicht, Fettleber, gestörter Stoffwechsel
  • Autoimmunreaktionen, wenn die Schutzbarriere im Darm löchrig wird
  • Depression und Angst — der Darm sendet, das Gehirn empfängt
  • chronische Entzündungen, ständige Infekte, frühe Erschöpfung
  • und vieles, vieles mehr

Jede einzelne davon ist ein eigenes, großes Thema. Aber sie haben dieselbe Wurzel: eine Gemeinschaft im Inneren, die aus dem Takt geraten ist — und die kaum jemandem je erklärt wurde. Vielleicht, weil ein Mensch, der sich für eine Maschine hält, leichter eine Pille schluckt als sein Leben ändert.

Die gute Nachricht: Die Mehrheit lässt sich drehen

Diese Mehrheit ist nicht Schicksal. Sie ist steuerbar. Ernährung, Lebensweise, Schlaf, Bewegung — all das entscheidet mit, wer sich im Inneren vermehrt und wer verschwindet. Man kann diese Belegschaft so führen, dass sie aufhört, gegen den Wirt zu arbeiten, und anfängt, für ihn zu arbeiten.

Und das ist spürbar:

  • mehr Energie — das Nachmittagsloch bleibt aus
  • Schluss mit Brain Fog — klarer Kopf, schärferer Fokus
  • stabilere Stimmung, weniger Reizbarkeit, mehr Gelassenheit
  • besserer Schlaf und echte Erholung
  • ein stärkeres Immunsystem
  • bessere Entscheidungen — und ein besserer Umgang mit anderen Menschen

Hier schließt sich der Kreis: Wer mehr Energie hat, klarer denkt und nicht ständig unter Strom steht, leistet mehr, führt besser und ist erfolgreicher — in allem. Im Unternehmen, in der Familie, im eigenen Kopf. Wie viel genau sich steuern lässt, weiß niemand auf die Kommastelle. Aber eines steht fest: Wer dieses Wissen versteht und anwendet, kann Lebensqualität, tägliche Leistungsfähigkeit — und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Lebenszeit — deutlich verbessern und verlängern.

Mikrobiom und Psyche: Die Frage, die bleibt

Mikrobiom und Psyche

©Andreas Amplatz

Wie groß ist dieser Einfluss wirklich? Wie viel von den eigenen Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen läuft hinter dem Rücken ab? Die Zahl gibt es. Und sie lässt einen nicht ruhig schlafen. Sie gehört in den nächsten Teil dieser Serie. Dort wo es darum geht, wie aus dem Mitbewohner ein Verbündeter wird.

Mehr über den Superorganismus Mensch, das Mikrobiom und seinen Einfluss auf Körper und Psyche in diesem Buch: „Der Tod sitzt mit am Tisch“

Dr. Sven Mostegl ist Ernährungsberater und Leistungstrainer und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Mikrobiom, dem Superorganismus Mensch und der Frage, wie sich Gesundheit und Leistungsfähigkeit gezielt steuern lassen

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Dr. Sven Mostegl ist Gesundheitsstratege, Systemdenker, Coach und Autor, der den Menschen als ganzheitlichen Organismus versteht. Er verbindet moderne Ernährungs-, Stoffwechsel- und Mikrobiomforschung mit praktischer Lebenserfahrung. In seinen Büchern, Vorträgen und Coachings zeigt er, wie bewusste Entscheidungen, Klarheit und Systemverständnis Gesundheit, Energie und Lebensqualität nachhaltig verändern.

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