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Ich bin nicht fotogen: Was im Gesicht wirklich steht
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Warum sich so viele vor dem eigenen Bild drücken und was im Gesicht wirklich steht
Ich bin nicht fotogen: Vor einer Gesichterlesung werden Fotos gebraucht. Keine Businessporträts, keine Studioaufnahmen, sondern natürliche Bilder, ungeschminkt, bei Tageslicht. Fast jedes Mal kommt die Antwort in einer ähnlichen Form. Oft noch bevor das erste Bild verschickt ist.
„Ich bin so gar nicht fotogen.“
So schrieb es auch eine Therapeutin, die kürzlich eine ausführliche Lesung gebucht hatte. Eine Frau Ende fünfzig, selbstständig, mit eigener Praxis, dreißig Jahre Berufserfahrung in zwei Berufen. Eine Frau, die vor Menschen steht, sie behandelt und begleitet. Und die sich vor der Kamera entschuldigt, bevor jemand sie gesehen hat.
Der Satz ist so verbreitet, dass er kaum noch auffällt. Er lohnt sich trotzdem genauer anzusehen, denn er wird fast nie über Ästhetik gesagt.
Ich bin nicht fotogen: Was hinter dem Satz steckt
© Laura Chouette
„Nicht fotogen“ klingt nach einer Feststellung über Bildqualität. Tatsächlich ist es meistens ein vorweggenommener Schutz. Wer ihn ausspricht, sagt dem anderen vorher, was er zu sehen hat, damit das Urteil nicht überraschend kommt.
Dahinter steht selten die Kamera. Dahinter steht eine alte Gewohnheit, sich nicht zu zeigen. Manchmal stammt sie aus der Jugend, manchmal aus einem Satz, den jemand vor Jahrzehnten gesagt hat. Sie hält sich hartnäckig, auch wenn sich das Leben längst verändert hat.
Im Geschäftlichen hat das Folgen, die sich beziffern lassen. Das Profilbild bleibt fünf Jahre alt. Die Website zeigt Hintergründe statt Menschen. Beim Fototermin entsteht ein Bild, das korrekt ist und niemanden meint. Und die Kundin, die auf der Suche nach einem Therapeuten, einer Beraterin, einem Handwerker ist, schaut es an und spürt – nichts.
Ich bin nicht fotogen: Die Probe aufs Exempel
Ob ein Satz trägt, zeigt sich dort, wo er am schwersten zu halten ist.
Vor einigen Jahren kam die Anfrage einer jungen Frau, ob eine Gesichterlesung auch bei ihrem Partner möglich wäre. Er war Anfang zwanzig, und eine Hälfte seines Gesichts war nach einem schweren Unfall entstellt. Die Antwort war ja.
Gelesen wurde die unversehrte Hälfte. In der Gesichterlesung gilt sie als die Seite, die das Innere eines Menschen zeigt, während die andere eher die Außenwirkung trägt. Alle anderen schauten seit dem Unfall auf das, was zerstört war. In dieser Stunde ging es um das, was heil geblieben war und was es über ihn erzählte.
Er hat später eine Selbsthilfegruppe gegründet, für Menschen, die nach Unfällen sichtbare Spuren tragen.
Wer diese Geschichte kennt, hat es schwer mit dem Satz, er sei nicht fotogen.
Was ein Gesicht tatsächlich zeigt
© Jakob Braun
In der taoistischen Gesichtslehre wird das Gesicht wie eine Landkarte gelesen. Diese Tradition ist mehrere tausend Jahre alt und entstand aus der Nötigung heraus: Ärzten standen keine Apparate zur Verfügung, nur das, was von außen zugänglich war: Haltung, Stimme, Gesicht.
Gelesen werden keine Schönheitsmerkmale, sondern Hinweise auf Anlagen und Verhaltenspräferenzen: ob jemand schnell entscheidet oder lange abwägt, ob er Weite braucht oder Struktur, wie er mit Widerstand umgeht. Kein einzelnes Merkmal ergibt dabei ein Bild. Erst das Zusammenspiel.
Ein Beispiel aus der eingangs erwähnten Lesung: Schatten unter den Augen, die auch nach langem Schlaf nicht verschwinden, gelten dort nicht als Zeichen von Erschöpfung, sondern als typisches Merkmal eines bestimmten Konstitutionstyps.
Das ist der Unterschied zwischen Bewerten und Lesen. Eine Bewertung fragt, ob ein Merkmal einem Ideal entspricht. Eine Lesung fragt, wovon es erzählt.
Dabei darf die Gesichtersprache nicht zur nächsten Typologie werden. Kein Merkmal ersetzt Qualifikation, Erfahrung oder ein persönliches Gespräch. Professionelle Gesichtsinterpretation betrachtet immer das Gesamtbild. Sie liefert Hinweise und eröffnet Fragen, keine fertigen Urteile.
Ich bin nicht fotogen: Sichtbar oder erkennbar
Für Selbstständige und Unternehmer hat das praktische Folgen. Die gängige Empfehlung lautet, sichtbar zu werden: mehr posten, mehr zeigen, mehr Reichweite. Sichtbarkeit ist aber nur die halbe Aufgabe. Entscheidend ist, ob jemand erkennbar wird.
Sichtbar ist, wer oft genug auftaucht. Erkennbar ist, wer so auftaucht, dass ein Fremder nach drei Sekunden eine Ahnung hat, mit wem er es zu tun bekommt.
Genau daran scheitern viele Unternehmensfotos. Sie sind technisch einwandfrei, gut ausgeleuchtet und austauschbar. Falten werden retuschiert, Schatten geglättet, der Ausdruck auf freundliche Neutralität gebracht. Übrig bleibt ein Bild, das niemandem wehtut und niemanden überzeugt.
Dabei kaufen Menschen bei Dienstleistern selten das günstigste Angebot. Sie kaufen bei dem, dem sie zutrauen, die Sache zu können. Dieses Zutrauen entsteht in Sekunden und vor jedem gelesenen Wort.
Ich bin nicht fotogen: Drei Fragen an das eigene Foto
- Sind die Augen offen und zugewandt, nicht abgeschattet?
- Sind die Spuren des gelebten Lebens zu sehen?
- Würde jemand, der die Person kennt, sagen: Ja, genau so ist sie?
Drei Ja genügen. Sie sind schwerer zu bekommen als ein perfektes Licht.
Fazit
Die Therapeutin aus dem Eingang hat ihre Lesung inzwischen bekommen. Was sie für einen Mangel hielt, gehört zu ihrer Konstitution. Was sie für Zufälle ihres Lebenswegs hielt – zwei Ausbildungen, der späte Schritt in die Selbstständigkeit – steht in ihrem Gesicht als Linie, nicht als Umweg.
Nicht fotogen zu sein, gibt es nicht. Es gibt Bilder, die jemanden nicht gemeint haben.
Ein gefälliges Foto bekommt Komplimente. Ein Foto, das einen Menschen zeigt, bekommt Kunden.
Titelbild © Justin Bockey
Sabine Wien ist Expertin für bewusste Wahrnehmung und Ausbilderin für professionelle Gesichtsinterpretation. Sie erkennt und benennt, was Menschen prägt, blockiert oder antreibt anhand der Sprache der Gesichter.
