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Erfahrene Führungskräfte: entwickeln statt aussortieren

Warum die Entlassung erfahrener Führungskräfte ein Unternehmen mehr kostet, als jede Bilanz zeigt – und wie eine entwickelte Persönlichkeit und Kultur davor schützt

Es ist ein gewöhnlicher Montagmorgen, als für Herrn K. dreißig Jahre zu Ende gehen. Er ist Mitte fünfzig. Fast sein ganzes Berufsleben war er in diesem Unternehmen, zuletzt in verantwortlicher Position. Das Gespräch dauert keine zwanzig Minuten. Der Ton ist höflich, die Formulierungen sind sorgfältig gewählt. Von Neuausrichtung ist die Rede und von Wertschätzung für das Geleistete. Als er den Raum verlässt, spürt er zunächst nur ein Engegefühl in der Brust. Zwei Tage später sitzt er in der Notaufnahme. Die Diagnose lautet nicht Herzinfarkt, sondern Broken-Heart-Syndrom.

Diese Geschichte ist verdichtet, aber sie ist nicht erfunden. Sie steht für ein Muster, das mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Ich erzähle sie nicht, um Schuld zuzuweisen. Es ist keine Geschichte über böse Unternehmen oder kaltherzige Führungskräfte. Es ist eine Geschichte über einen blinden Fleck. Über das, was wir übersehen, wenn wir vor allem auf Zahlen, Tempo und das Alter im Lebenslauf schauen.

Ein nüchterner Blick auf das gebrochene Herz

Das Broken-Heart-Syndrom, medizinisch Takotsubo-Syndrom, ist keine literarische Metapher. Es ist eine ernstzunehmende, akute Erkrankung des Herzmuskels. Die Pumpleistung lässt plötzlich nach, die Beschwerden ähneln einem Herzinfarkt, und in schweren Fällen wird die Lage lebensbedrohlich. Ausgelöst wird sie vor allem durch starken emotionalen oder körperlichen Stress. Rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen, meist jenseits des fünfzigsten Lebensjahres. Ein plötzlicher, unfreiwilliger Verlust der beruflichen Rolle ist für viele genau ein solcher existenzieller Einschnitt.

Ich führe das so sachlich aus, weil es genau so wirken soll: als Information zum Nachdenken, nicht als Drohung. Die meisten Menschen erholen sich wieder; das Syndrom bildet sich in der Regel zurück. Und doch sagt es etwas, das wir ernst nehmen sollten. Manchmal übersetzt der Körper in Sekunden, was wir uns lange schönreden. Der Verlust der beruflichen Rolle ist für viele kein Verwaltungsvorgang. Er ist ein tiefer Einschnitt.

Warum der Einbruch so tief geht

Bildrechte: Nathalie Wallner, bearbeitet mit Canva pro

Wenn ich mit dem Führungsrat arbeite, betrachte ich einen Menschen aus vier Perspektiven zugleich: sein inneres Erleben und Selbstbild, sein sichtbares Können und Handeln, seine Zugehörigkeit und Beziehungen sowie die Strukturen, in denen er steht. Bei einer gereiften Persönlichkeit ruht die Identität auf mehreren dieser Perspektiven. Sie speist sich aus mehreren Quellen.

Bei vielen langjährigen Führungskräften ist das anders. Über Jahrzehnte hat sich ihre Identität fast ausschließlich an Rolle, Leistung, Status und Zugehörigkeit festgemacht. Das ist kein persönliches Versäumnis. Es ist oft das Ergebnis einer Arbeitswelt, die genau diese Logik belohnt: funktionieren, leisten, dazugehören.

Und genau deshalb bricht im Moment der Kündigung nicht nur ein Arbeitsverhältnis weg, sondern vieles zugleich. Wer bin ich, wenn ich diese Rolle nicht mehr habe? Wofür ist mein Können noch wert, wenn niemand es mehr abruft? Wo gehöre ich hin, wenn die Gemeinschaft, in der ich dreißig Jahre stand, sich abwendet? Wenn die Identität an einem einzigen Faden hängt und dieser reißt, fällt der ganze Mensch. Das gebrochene Herz ist dann nicht das Problem, sondern sein sichtbarstes Symptom.

Der Spiegel, in den niemand gern schaut

An dieser Stelle weite ich den Blick – vom Einzelnen hin zum System. Denn die eigentlich interessante Frage lautet nicht, wie der Einzelne mit dem Schock umgeht. Sie lautet: Warum sortieren wir als Organisationen Erfahrung so leichtfertig aus? Die Zahlen zeichnen ein paradoxes Bild.

Auf der einen Seite klagen Unternehmen über Fachkräftemangel. Der DIHK beziffert die Zahl der unbesetzten Stellen auf rund 1,8 Millionen. Und nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft erreichen bis 2036 fast zwanzig Millionen Erwerbstätige das Rentenalter.

Auf der anderen Seite belegt eine Stepstone-Studie das Gegenteil. Rund jede vierte Person über fünfzig wurde schon einmal ausdrücklich wegen ihres Alters abgelehnt. Bei den über Sechzigjährigen sind es sogar zwei von fünf. Rund die Hälfte der befragten Recruiter hält Bewerbende ab 55 Jahren für zu alt. Und Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen ein klares Muster. Wer über sechzig ist, wird nur etwa halb so oft zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Wir suchen also händeringend Menschen – und drängen zugleich jene hinaus, die wir längst haben. Diese Benachteiligung nimmt ihren Ausgang oft genau dort, wo täglich über Köpfe und Karrieren entschieden wird: in den Führungsetagen selbst. Ich lese das nicht als Beweis für schlechte Menschen. Ich lese es als Hinweis. Der blinde Fleck sitzt am nächsten dort, wo Entscheidungen fallen.

Eine innere Logik ist am Werk. Sie schaut vor allem auf Kosten, Tempo und ein bestimmtes Bild von Leistung. Und sie übersetzt Alter eher als Risiko denn als Tiefe. Diese Logik ist nicht böse. Sie ist nur eng. Das Tückische an einem blinden Fleck ist, dass man ihn nicht sieht – bis man ihn sichtbar macht.

Was diese enge Sicht übersieht

Wer Erfahrung allein als Kostenfaktor verbucht, übersieht den größeren Teil der Rechnung. Die Society for Human Resource Management schätzt die Wiederbesetzungskosten je nach Position auf 50 bis 200 Prozent eines Jahresgehalts. Bei Fach- und Führungsrollen liegt der Wert am oberen Ende. Vor allem aber schlagen die indirekten Kosten zu Buche. Sie übersteigen die sichtbaren oft um ein Vielfaches. Verlorenes Prozesswissen, abgerissene Kundenbeziehungen, das institutionelle Gedächtnis, das mit einem Menschen aus der Tür geht.

Und es gibt einen Effekt, der in keiner Bilanz steht und doch tief wirkt. Wenn eine erfahrene Kollegin oder ein langjähriger Kollege gehen muss, registrieren das alle, die ebenfalls über vierzig oder fünfzig sind. Sie ziehen ihre stillen Schlüsse über Sicherheit, Loyalität und den eigenen Wert. Eine einzige Trennung kann so die innere Bindung einer ganzen Generation lockern. Wer Erfahrung aussortiert, spart selten das, was er zu sparen glaubt.

Die Wendung: entwickeln statt aussortieren

Bildrechte: Nathalie Wallner, bearbeitet mit Canva pro

Aus all dem folgt für mich kein Vorwurf, sondern eine Einladung. Und sie wirkt in zwei Richtungen. Für den einzelnen Menschen liegt der Schutz in einer Identität, die auf mehr als einem Fundament ruht. Wer sich nicht allein über Rolle und Leistung definiert, sondern auch über Haltung und tragfähige Beziehungen, steht stabiler. Bricht dann eine Säule weg, fällt er nicht so tief.

Genau hier setzt integrale Persönlichkeitsentwicklung an. Und genau hier liegt der unterschätzte Wert guter Weiterbildung. Sie aktualisiert nicht nur Fachwissen. Sie stärkt die innere Standfestigkeit, die einen Menschen durch Brüche trägt.

Für die Organisation liegt die Einladung darin, die eigene Sicht zu weiten. Eine Kultur, die ihre Führung über die enge Logik von Tempo und Kosten hinaus entwickelt, gewinnt etwas Entscheidendes. Den Blick dafür, was Erfahrung wirklich wert ist. Sie erkennt, dass Reife, Gelassenheit in der Krise und ein gewachsenes Gespür für Menschen keine Restposten sind, sondern Tragwerk. Weiterbildung ist dann kein Kostenpunkt am Rand. Sie bewahrt eine Organisation davor, ihren eigenen Reichtum für einen kurzfristigen Bilanzeffekt einzutauschen.

Es geht nicht darum, niemanden mehr zu entlassen

Ich möchte nicht missverstanden werden. Es wird immer betriebliche Entscheidungen geben, die schwer und schmerzhaft sind. Kein Unternehmen kann jeden halten. Trennungen abzuschaffen, ist nicht das Ziel. Das Ziel ist, sie mit offenen Augen zu treffen – im Bewusstsein dessen, was wirklich auf dem Spiel steht. Und im Wissen, dass die Art, wie wir Menschen gehen lassen, die Kultur prägt, die für die Bleibenden zurückbleibt.

Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung unserer Zeit. Sie zieht sich durch alles, worüber ich schreibe. Die Zukunft gehört nicht den Organisationen, die am härtesten aussortieren, sondern denen, die am klügsten entwickeln. Denn am Ende entscheidet sich der Wert eines Unternehmens nicht daran, wie schnell es sich von Erfahrung trennt. Er entscheidet sich daran, wie gut es sie wachsen lässt.

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Nathalie Wallner ist Gründerin der LeadershipAkademie.online und begleitet erfahrene Führungskräfte und Unternehmer:innen in anspruchsvollen Übergängen – besonders dann, wenn Karriere, Identität und Wirksamkeit neu sortiert werden müssen. Ihr Ansatz verbindet Coaching, Mentoring und Weiterbildung zu einer individuell kuratierten Entwicklungsreise: systemisch, integral und konsequent praxisnah. So entsteht ein geschützter Raum für Klarheit, Haltung und neue Führungskraft – mit Wirkung, die im Alltag sichtbar wird.

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