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Behavioral Finance: Warum unser Kopf zum Risiko werden kann
Das größte Risiko im Depot ist nicht immer eine schlechte Anlageentscheidung. Manchmal sitzt es direkt davor.
Angst, Euphorie, Selbstüberschätzung oder der Wunsch, in unruhigen Börsenphasen unbedingt handeln zu müssen, beeinflussen unsere Entscheidungen stärker, als uns häufig bewusst ist. Behavioral Finance beschäftigt sich genau mit diesen Verhaltensmustern und mit einer Frage, die für langfristige Anleger entscheidend ist: Warum fällt es uns manchmal so schwer, an einer vernünftigen Strategie festzuhalten? Denn zwischen dem Wissen, was richtig wäre, und dem, was wir tatsächlich tun, liegt manchmal eine erstaunlich große Lücke. Besonders deutlich wird das an der Börse. Solange die Kurse steigen und das Depot im Plus steht, fällt es leicht, von langfristigem Investieren zu sprechen. Was aber passiert, wenn innerhalb weniger Wochen ein erheblicher Teil des Depotwertes verschwindet?
Plötzlich fühlt sich dieselbe Geldanlage vollkommen anders an.
Genau hier setzt Behavioral Finance an. Die Verhaltensökonomie beschäftigt sich damit, wie psychologische Faktoren unsere finanziellen Entscheidungen beeinflussen. Menschen entscheiden eben nicht ausschließlich anhand von Zahlen und Fakten. Erfahrungen, Ängste, Erwartungen und unser Bauchgefühl spielen ebenfalls eine Rolle. Und das kann beim Investieren Folgen haben.
Behavioral Finance: Warum sich Verluste anders anfühlen als Gewinne

Wenn Kurse fallen, wird aus einer nüchternen Zahl schnell eine emotionale Erfahrung; Bild: © Karola G via Canva.com (Quelle: Pexels)
Stellen wir uns zwei Situationen vor. Das Depot steigt um 10.000 Euro. Natürlich freut man sich. Nun dreht sich die Situation um und das Depot verliert 10.000 Euro. Ist der Ärger über den Verlust genauso groß wie die Freude über den Gewinn?
Bei vielen Menschen nicht. Verluste werden emotional stärker wahrgenommen als vergleichbare Gewinne. Behavioral Finance spricht hier von Verlustaversion. Das beeinflusst Anlageentscheidungen. Anleger halten beispielsweise an schlecht gelaufenen Positionen fest, weil sie den Verlust nicht realisieren möchten. Solange nicht verkauft wurde, bleibt schließlich die Hoffnung, dass der Kurs zurückkommt. Gewinne werden dagegen häufig lieber frühzeitig gesichert. Daraus kann der sogenannte Dispositionseffekt entstehen. Gewinner werden zu früh verkauft, während Verlierer zu lange im Depot bleiben.
Wenn die jüngste Vergangenheit plötzlich zur Zukunft wird
Ein anderes Phänomen begegnet mir in der Geldanlage regelmäßig. Was gerade passiert ist, erscheint uns besonders wichtig. Sind Aktienmärkte längere Zeit stark gestiegen, wächst das Vertrauen. Nach einem kräftigen Börseneinbruch passiert häufig das Gegenteil. Plötzlich erscheint die Börse gefährlich und weitere Verluste wirken wahrscheinlicher. Die jüngsten Erfahrungen bekommen dadurch mehr Gewicht, als ihnen für eine langfristige Anlageentscheidung eigentlich zusteht. Das kann dazu führen, dass Anleger genau zum falschen Zeitpunkt ihre Strategie verändern. Nach starken Kurssteigerungen möchten viele stärker investieren. Nach deutlichen Rückgängen soll das Risiko plötzlich reduziert werden. Dabei wäre eine andere Frage viel entscheidender: Haben sich meine Ziele, mein Anlagehorizont oder meine finanzielle Situation überhaupt verändert?
Behavioral Finance: Warum wir der Masse so gerne folgen
Menschen orientieren sich an anderen Menschen. Im Alltag ist das vollkommen normal. An der Börse kann dieses Verhalten problematisch werden. Wenn im Freundeskreis plötzlich alle über eine bestimmte Aktie sprechen oder ein Anlagethema ständig in den Medien auftaucht, entsteht schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Besonders schwierig wird es, wenn andere scheinbar bereits viel Geld damit verdient haben. Dabei entsteht große Aufmerksamkeit häufig erst, nachdem eine Anlage stark gestiegen ist. Rückblickend sieht dann alles offensichtlich aus. Eine Investmententscheidung wird aber nicht automatisch besser, nur weil gerade viele Menschen dieselbe Entscheidung treffen.
Wenn Anleger ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen
Auch Selbstüberschätzung kann Anlageentscheidungen beeinflussen. Wer mit zwei oder drei Aktien richtig lag, schreibt den Erfolg schnell den eigenen Fähigkeiten zu. Vielleicht war aber auch Glück dabei. Kurzfristig lässt sich beides an der Börse nur schwer voneinander unterscheiden. Können wir wirklich beurteilen, ob eine erfolgreiche Entscheidung auf Können oder Zufall beruhte? Genau deshalb halte ich einen strukturierten Investmentprozess für so wertvoll. Meine Investmentphilosophie basiert nicht darauf, einzelne Gewinner vorherzusagen. Stattdessen geht es darum, Kapitalmärkte zu nutzen, breit über Unternehmen und Länder zu diversifizieren und Risiken bewusst einzugehen. Das klingt weniger spannend als die Suche nach der nächsten Kursrakete. Für langfristigen Vermögensaufbau ist Spannung allerdings keine besonders hilfreiche Zielgröße.
Behavioral Finance: Der Drang, an der Börse ständig etwas tun zu müssen
An den Finanzmärkten passiert jeden Tag etwas. Zinsen verändern sich, Unternehmen veröffentlichen Zahlen, politische Entscheidungen fallen und Experten geben neue Prognosen ab. All das vermittelt schnell den Eindruck, wir müssten reagieren. Aber muss eine neue Nachricht wirklich eine neue Anlageentscheidung auslösen? Wer sein Portfolio passend zu seinen Zielen, seinem Anlagehorizont und seiner Risikotoleranz aufgebaut hat, sollte nicht bei jeder Schlagzeile die grundsätzliche Strategie infrage stellen. Ein langfristiger Ansatz mit einer regelmäßigen Rückführung auf die ursprünglich festgelegte Portfoliostruktur schafft hier Orientierung. Manchmal ist Nichtstun tatsächlich eine Entscheidung.
Das beste Portfolio muss zum Menschen passen
An dieser Stelle wird Behavioral Finance für mich als Finanzberater besonders interessant.
Auf einem Fragebogen lässt sich schnell ankreuzen, welche Verluste man aushalten würde. Die Realität fühlt sich anders an. Ein Rückgang von 20 Prozent ist eine abstrakte Zahl. Wenn aus 300.000 Euro im Depot plötzlich 240.000 Euro werden, bekommt dieselbe Zahl eine völlig andere Bedeutung. Erst dann zeigt sich, ob die gewählte Portfoliostruktur wirklich zum Anleger passt.
Eine gute Investmentstrategie beschäftigt sich deshalb nicht nur mit der gewünschten Rendite. Genauso entscheidend ist, welche Schwankungen ein Mensch finanziell und emotional aushalten kann, ohne seine Strategie im falschen Moment aufzugeben. Das beste Portfolio ist für mich deshalb nicht automatisch das mit der höchsten erwarteten Rendite. Es ist eines, das zu den Zielen und Möglichkeiten des Anlegers passt und das er auch in schwierigen Marktphasen durchhalten kann.
Behavioral Finance: Erfolgreich investieren ist auch eine Frage des Verhaltens

Nicht jede Bewegung an den Kapitalmärkten verlangt nach einer neuen Anlageentscheidung. Bild: © AlphaTradeZone via Canva.com | Quelle: Pexels
Behavioral Finance bedeutet nicht, Emotionen abzuschalten. Das wäre unrealistisch. Entscheidend ist vielmehr, ob diese Emotionen unsere langfristigen Anlageentscheidungen bestimmen.
Ein klarer Investmentprozess kann dabei helfen. Wer vorher festgelegt hat, wie sein Vermögen strukturiert sein soll, muss mitten in einer Krise keine Grundsatzentscheidung treffen. Wer breit diversifiziert investiert, ist weniger davon abhängig, dass einzelne Prognosen aufgehen. Und wer seine persönliche Risikotoleranz realistisch einschätzt, kann Schwankungen eher aushalten.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse der Behavioral Finance: Erfolgreiches Investieren verlangt nicht nur eine gute Strategie. Es verlangt auch die Fähigkeit, sich selbst nicht ständig im Weg zu stehen. Und manchmal besteht die beste Anlageentscheidung tatsächlich darin, keine neue Entscheidung zu treffen.
Titelbild © Daniel Ruff
Andreas Diermeier ist selbstständiger Finanzberater, Unternehmer und Geldlehrer. Seit über zwei Jahrzehnten begleitet er Unternehmerinnen, Unternehmer und Familien dabei, ihre Finanzen strategisch, wissenschaftlich fundiert und zukunftsorientiert zu strukturieren. Sein Antrieb ist es, finanzielle Bildung greifbar zu machen und Menschen zu eigenverantwortlichen, klugen Entscheidungen zu befähigen.

