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Erwachsene Trennungskinder ruinieren die Wirtschaft
Was ungelöste Erfahrungen aus der Kindheit mit Entscheidungen, Zusammenarbeit und Kreativität im Berufsleben zu tun haben
Erwachsene Trennungskinder ruinieren die Wirtschaft – diese Überschrift ist bewusst zugespitzt. Eigentlich müsste sie noch weiter gehen: Jedes verletzte innere Kind kann die Wirtschaft ausbremsen. Denn ungelöste Erfahrungen aus der Kindheit wirken oft bis ins Berufsleben hinein – in die Art, wie Menschen entscheiden, mit Konflikten umgehen, Verantwortung übernehmen und mit anderen zusammenarbeiten. Bei erwachsenen Trennungskindern können Loyalitätskonflikte, Verlustangst oder frühe Anpassungsmuster dabei eine besondere Rolle spielen. Wenn solche alten Schutzstrategien unbewusst das heutige Handeln bestimmen, betrifft das nicht nur den einzelnen Menschen. Es kann auch Teams und Betriebe etwas kosten.
Was geschieht, wenn ein Kind mit den Folgen einer Trennung allein bleibt – mit Loyalitätskonflikten, Verlustangst, Schuldgefühlen oder dem Gefühl, sich anpassen zu müssen, um niemanden zu verlieren? Und was davon wirkt weiter, wenn aus diesem Kind eine erwachsene Mitarbeiterin, eine Führungskraft, eine Unternehmerin oder ein Entscheider wird?
Erwachsene Trennungskinder: Wenn alte Schutzstrategien mit zur Arbeit kommen
Kindheitserfahrungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir erwachsen werden. Häufig werden sie zu Strategien, die damals sinnvoll waren: alles im Blick behalten, es allen recht machen, Konflikte vermeiden, besonders leistungsfähig sein oder bloß keine Fehler machen. Diese Muster können Menschen lange tragen. Im Berufsleben können sie aber teuer werden.
Wer gelernt hat, ständig die Stimmung anderer zu lesen, entscheidet womöglich nicht nach dem, was sachlich sinnvoll ist, sondern danach, wer enttäuscht oder verärgert sein könnte. Wer früh Verantwortung für die Gefühle der Eltern übernommen hat, übernimmt vielleicht auch im Team zu viel – bis Erschöpfung und Krankheit die Grenze setzen. Und wer sich angepasst hat, um dazuzugehören, bringt eigene Ideen möglicherweise gar nicht erst ein.
Was psychische Belastungen Betriebe kosten
Das betrifft nicht nur einzelne Beschäftigte. Es kann Betriebe ganz konkret etwas kosten: durch häufigere Fehlzeiten, längere Ausfälle und Mitarbeitende, die zwar anwesend sind, innerlich aber längst auf Reserve laufen. Dass psychische Erkrankungen für Betriebe eine erhebliche Rolle spielen, zeigen auch die Fehlzeitendaten: Laut Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) entfielen 2024 zwar nur 4,8 Prozent der Arbeitsunfähigkeitsfälle auf psychische Erkrankungen, aber 12,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage. Ein solcher Krankheitsfall dauerte im Schnitt 28,5 Tage. Über alle psychischen Erkrankungen hinweg nahmen die AU-Tage seit 2014 um knapp 47 Prozent zu (Datenstand August 2024).¹
Diese Zahlen beschreiben Fehlzeiten und Diagnosen – sie beweisen nicht, wodurch psychische Erkrankungen entstehen, und schon gar nicht, dass elterliche Trennung dafür ursächlich ist. Sie machen aber sichtbar, wie teuer lang andauernde Belastungen für Beschäftigte und Betriebe werden können. Wo Motivation und Vertrauen schwinden, sinkt oft auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen oder sich über das eigene Pflichtmaß hinaus einzubringen.
Körper und Psyche arbeiten nicht getrennt voneinander. Was uns innerlich belastet, kann sich durchaus körperlich zeigen oder bestehende Beschwerden verstärken. Die Diagnose auf einer Krankschreibung erzählt deshalb nicht immer die ganze Geschichte eines Menschen. Wer psychische Belastungen ernst nimmt und bearbeitet, kann auch etwas für seine körperliche Gesundheit tun. Ein gesunder Geist garantiert keinen gesunden Körper – aber er gehört für mich zu einem ganzheitlichen Blick auf Gesundheit dazu.
Erwachsene Trennungskinder: Wenn Führung und gemeinsame Ziele fehlen
Frust über Führung kann sich verstärken, wenn Entscheidungen als unberechenbar, ungerecht oder widersprüchlich erlebt werden. Gleichzeitig fällt es Teams schwer, sich auf gemeinsame Ziele auszurichten, wenn Konflikte unausgesprochen bleiben, Zuständigkeiten unklar sind oder jede und jeder vor allem versucht, sich selbst abzusichern. Dann gehen Zeit und Energie in Reibung, Rückzug und Missverständnisse – Energie, die für Zusammenarbeit und gute Arbeit gebraucht würde.
Wenn Menschen aus Angst vor Kritik schweigen, bleiben Fehler länger unentdeckt. Wenn Verantwortung aus Unsicherheit hin- und hergeschoben wird, verlieren Abläufe an Klarheit. Und wenn Mitarbeitende innerlich nur noch funktionieren, fehlen oft Neugier, Spielfreude und die Fantasie, mit der neue Lösungen entstehen.
Auch Führung ist davon nicht ausgenommen. Alte Schutzmuster können sich als Kontrolle, Unentschlossenheit oder übermäßige Härte zeigen. Manche Führungskräfte halten an Entscheidungen fest, obwohl neue Informationen dagegensprechen. Andere vermeiden klare Ansagen, weil sie Ablehnung fürchten. Wieder andere reagieren auf Widerspruch, als stünde nicht eine Sachfrage, sondern die eigene Zugehörigkeit auf dem Spiel. Für Mitarbeitende kann das bedeuten, dass sie nicht wissen, woran sie sind – und für den Betrieb, dass Vertrauen, Orientierung und gemeinsame Ziele verloren gehen.
Erwachsene Trennungskinder: von alten Mustern zu neuen Handlungsspielräumen
Das sind keine Charakterfehler. Es sind oft erlernte Reaktionen, die einmal geholfen haben, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen. Doch was einem Kind Schutz gegeben hat, kann später Handlungsspielräume einschränken. Und ein Unternehmen, in dem viele Menschen vor allem mit innerer Absicherung beschäftigt sind, schöpft ihr Wissen und ihre Kreativität nicht aus.
Was sich für Menschen und Betriebe verändern lässt
Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die Verbindung zwischen persönlicher Geschichte und Arbeitswelt. Nicht, um Beschäftigte zu diagnostizieren oder jede betriebliche Schwierigkeit auf die Kindheit zurückzuführen. Und schon gar nicht, um Eltern für jede spätere Herausforderung verantwortlich zu machen. Sondern um zu verstehen, dass Menschen ihre Geschichte mit zur Arbeit bringen – genauso wie ihre Fähigkeiten, Werte und Ideen.
Für erwachsene Trennungskinder kann es besonders entlastend sein, die eigenen Muster einzuordnen: Muss ich wirklich alles allein schaffen? Darf ich eine eigene Entscheidung treffen, auch wenn jemand enttäuscht ist? Kann ich Konflikte aushalten, ohne sofort um die Beziehung zu fürchten? Solche Fragen öffnen einen Weg vom automatischen Reagieren hin zu bewussterem Handeln.
Davon profitieren nicht nur die einzelnen Menschen. Wer sich innerlich sicherer fühlt, kann klarer kommunizieren, Grenzen setzen, Verantwortung teilen und Entscheidungen überprüfen. Teams gewinnen an Vertrauen, wenn Fragen gestellt werden dürfen und Fehler nicht sofort den persönlichen Wert infrage stellen. Unternehmen brauchen deshalb neben Strategie und Fachwissen auch Arbeitsbedingungen, in denen Menschen nicht dauerhaft gegen ihre eigenen Schutzmechanismen ankämpfen müssen.
Die zugespitzte Überschrift meint also nicht: Trennungskinder sind das Problem. Sie fragt vielmehr, was unsere Arbeitswelt kostet, wenn wir die Folgen ungelöster Erfahrungen konsequent übersehen. Wirtschaftliche Stabilität entsteht nicht allein durch Zahlen, Prozesse und Wachstumspläne. Sie entsteht auch dort, wo Menschen mit Klarheit entscheiden, miteinander in Kontakt bleiben und ihre Ideen einbringen können.
Wenn erwachsene Trennungskinder ihre alten Schutzstrategien erkennen und verändern, gewinnen sie neue Handlungsspielräume. Davon profitieren auch Teams, Führungskräfte und Unternehmen.
Manchmal beginnt ein wirtschaftlicher Wandel deshalb an einer sehr persönlichen Stelle: bei der Erkenntnis, dass eine alte Überlebensstrategie heute nicht mehr die einzige Möglichkeit ist.
Maike Kirchhoff arbeitet mit Menschen, deren berufliche Herausforderungen weniger mit Kompetenz als mit biografisch geprägten Entscheidungs- und Handlungsmustern zu tun haben.

